“Die heilige Tochter fragte und sprach also: „Ich wüßte gern, welche Leiden unter allen Leiden dem Menschen die allernützesten und Gott die allererfreulichsten seien?“ Er antwortete und sprach also: „Du sollst wissen, daß man mancherlei Leiden findet, die den Menschen, der ihnen recht tun kann, bereiten und ihm guten Weg zu seiner Seligkeit geben. Gott verhängt zuweilen über einen Menschen schwere Leiden ganz ohne seine Schuld, worin Gott den Menschen entweder versuchen will, wie fest er stehe, oder was er an sich selbst habe, wie man es viel im Alten Testament liest, oder aber daß Gott allein sein Lob und Ehre dabei im Sinne hat, wie das Evangelium von dem blindgeborenen Menschen sagt, den Christus für unschuldig erklärte und sehend machte.--Man findet auch solche Menschen, die kein Leiden haben als nur so viel, wie sie sich selbst machen damit, daß sie das schwer wägen, was nicht zu wägen ist. Wie einst, da ging ein mit Leiden wohlbeladener Mensch an einem Hause vorüber, da hörte er, daß sich eine Frau gar übel betrug. Er dachte: „Geh hin und tröste den Menschen in seinem Leiden!“ Er ging hinein und sprach: „O weh, liebe Frau, was ist Euch, daß Ihr also klagt?“ Sie sprach: „Mir ist eine Nadel entfallen, und die kann ich nirgends finden.“ Er wandte sich um und ging hinaus und dachte: „O weh, du unsinniger Mensch, hättest du meiner Bürden eine auf dir, du weintest keiner Nadel nach!“ Also machten etliche verzärtelte Menschen sich selbst in mancherlei Sachen ein Leiden, das kein Leiden ist.(Auszug aus – Mystische Texte des Mittelalters, Heinrich Seuse, Reclam, S. 239)
Der Weg der Flagellanten, wie Heinrich Seue einer war, wurde von der Kirche untersagt. Freilich kann man sich den Trost entziehen, den Heiligen Geist, welcher der wahre Tröster ist und Gott wird in seiner Gerechtigkeit alles tun, um auf Erden die Verdienste des Menschen zu vergelten. Sich den Trost zu entziehen, ist nicht unheilig, im Gegenteil, So leben die Asketen, die Ordensleute, Eremiten, die sich den Menschen entziehen und ganz Gott zuwenden, damit Gott nicht alles Gute was der Mensch getan hat, auf Erden bereits zu vergelten. Das ist eine Sicht, die ich nicht teilen kann, denn Jesus bekannte, dass er gekommen sei, damit wir das Leben in Fülle haben. Aus dieser Sicht kann ich auch die Sicht der Kirche verstehen, dass Papst Clemens VI. 1349 das Flagellantentum verbat. Es ist auch nicht im Sinne der hl. Therese von Lisieux, als Doktorin der Kirche und dennoch hat sie ein Opfer vollbracht, für die Priester. Es stimmt mich innsgeheim traurig und doch sieht man in der Geschichte der Kirche eine Vielzahl an Märtyrern und Heiligen, die sich dem Maß Gottes nicht erwehrten. Gott prüft und wenn der Mensch freiwillig verzichtet, hat es einen Wert, den ich teilen kann oder erst Zeit brauche, um diese Einsicht zu gewinnen. Daher gibt Gott jedem Menschen bis zum letzten Augenblick Zeit.
"selbst eine schwache Quelle spendet Wasser auf den Tisch" Sir 14,10 Das war das Alte Testament. Das Neue: "ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben." Joh 10,10
Johannes der Täufer lebte in der Wüste und Jesus ging in die Wüste.